Als der Karneval begann…

Mit närrischem Treiben Karl dem Kühnen getrotzt

Ausnahmezustand im Rheinland: Da weiß jeder sogleich, dass es um die tollen Tage geht, die Tage zwischen dem sogenannten Altweibertag und dem Aschermittwoch, wenn die Fastenzeit beginnt. Und genau hier wird er deutlich, der Zusammenhang zwischen Karneval und Kirche. „Die Kölner können das gar nicht so genau unterscheiden, den Karneval und die Katholische Kirche“, sagte Prälat Dr. Gerhard Herkenrath, als er nach einem Bericht der Aachener Zeitung 2011 in der Närrischen Akademie in Düren als Lehrer Welsch über „Karneval und Kirche“ referierte. „Sowohl zu Fronleichnam als auch am Rosenmontag heißt es: D’r Zoch kütt!“ Die Hauptpersonen wären nur andere, in dem einen Zug der Oberhirte, im anderen Prinz Karneval. Die Kommentare der Zuschauer auf den Bürgersteigen seien dieselben: „Nee, watt hätt der sich fein gemaht, watt ene staatse Kääl!“

Religiöser Ursprung

Die Kirche bestätigt den Zusammenhang: „Der Termin liegt nicht zufällig kurz vor der Fastenzeit: Karneval und Fastnacht haben viele ihrer Wurzeln in der katholischen Religion“, heißt es auf der Internetseite des Bistums Münster. „Die gesamte neuere Forschung ist sich darin einig, dass das Fest im christlichen Kalender verankert ist“, berichtet der Brauchtumsforscher Alois Döring. Der Brauch stamme keineswegs aus vorchristlicher Zeit. Es sei weder direkt von den römischen Baccanalien oder Saturnalien herzuleiten, noch liegen seine Wurzeln in Winteraustreibungs- oder gar Totenkulten der Germanen. „Der Begriff Fastnacht und die niederdeutsche Variante vastavend, das heutige Fastelovend, verweisen auf den Abend vor der Fastenzeit“, so Döring.

Das heute ausschließlich im süddeutschen Raum gängige Wort Fasching (im 19. Jahrhundert auch für das rheinische Fest benutzt) gehe auf das mittelhochdeutsche Wort vaschang oder auch vastchanc zurück und bedeute „Ausschenken des Fastentrunkes“. Das Wort Karneval sei ursprünglich lateinischer Herkunft; das Kirchenlatein nannte den Eintritt in die Fastenzeit „carnislevamen, carnisprivium Oder carnetollendas“, das bedeute: Fleischwegnahme. Aus diesem Wortfeld habe sich das italienische carnelevare und später das leichter auszusprechende carnevale entwickelt. Dies sei scherzhaft als „Fleisch lebe wohl“ gedeutet worden. Der Begriff Karneval sei seit 1699 als Bezeichnung für die Fastnacht in Deutschland bezeugt, in Köln erstmals 1779 urkundlich belegt.

Das Narrenfest habe seinen Ausgangspunkt voll und ganz im christlichen Jahreslauf. Es bilde das Schwellenfest vor der vierzigtägigen vor österlichen Fastenzeit, wie der Freiburger Volkskundler Werner Metzger überzeugend darlege: Der Beginn des Fastens war ein radikaler, grundlegender Einschnitt für die Speisegewohnheiten der Bevölkerung, da die Fastengebote den Konsum von Fleisch sowie den Genuss aller aus der Großvieh- und Geflügelhaltung gewonnenen Nahrungsmittel untersagten. „Das hatte zur Folge, dass vor der Periode der Enthaltsamkeit in großen Mengen verderbliche Lebensmittel wie Fett, Eier und Fleisch Verzehrt wurden. Die älteste Brauchschicht der Fastnacht besteht also schlichtweg in einer letzten Welle des Verzehrs aller während der Fastenzeit verbotenen Lebensmittel“, so Döring. Spätestens seit dem 13. Jahrhundert geschah dies im Rahmen öffentlicher Gelage. Zum Essen und Trinken seien sehr schnell weitere Züge der Fastnachtsgestaltung hinzu gekommen. Man habe für Musikanten und Spielleute gesorgt, im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts bildeten sich Tänze, Wettkämpfe oder Schaubräuche heraus, wie beispielsweise das Pflugziehen zur Verspottung alter Jungfrauen.

Karneval erfüllt Sehnsüchte

In der Zeit vor den Fastentagen hat man sich also schon im Mittelalter von diesseitigen Gelüsten verabschiedet, indem man sich ihnen noch einmal intensiv widmete. Dabei war der Katholischen Kirche die Narretei lange Zeit überhaupt nicht recht. „Konzilien und Kirchenväter mühten sich vergeblich, dieses Frühlingsnarrenfest namens Karneval zu unterdrücken“, schreibt Hildegard Brog in ihrem Buch zur Geschichte des rheinischen Karnevals. Hatte die Kirche es vorher toleriert, so vollzog sich seit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert ein tief greifender Einstellungswandel der Kirche zur Fastnacht. „Die katholische Theologie deutete die Fastnacht als verkehrte, unheilvolle Welt und setzte sie mit dem Teufelsstaat (civitas diaboli) gleich, wahrend das Beachten der Fastenregeln als nachahmenswertes Modell eines gottgefälligen Lebens galt“, sagt Döring. Nach Meinung der Kirche sollte die Fastnacht den Gläubigen noch einmal eine gottferne Welt vor Augen führen und ihnen die Notwendigkeit einer geistigen Umkehr in den Fastenwochen demonstrieren. Eine Schlüsselrolle habe die in das Brauchtumsgeschehen neu eingeführte Narrenfigur als Sinnbild von (fastnachtlicher)Gottesferne und Vergänglichkeit gespielt, was den Menschen des späten Mittelalters oder der frühen Neuzeit noch bewusst gewesen sei. Im soziologischen Sinne habe der Karneval unter der Maske des Narren vieles ermöglicht: Spott gegen geistliche und weltliche Autoritäten, die phantasievolle Selbstdarstellung ohne Rücksicht auf bestehende Standesschranken, ein Fest, an dem alles verkehrt zugeht, in der in brauchtümlichen Umkehrungen für einen Tag die Weiber die Macht über die Männer, die Knechte über die Herren, die Gesellen über den Meister, die Schüler über den Lehrer, die Kleinen über die Großen haben. Die Psychologie verstehe Karneval als eine Art Ventilsitte, einmal im Jahr aus der Ordnung des Alltags auszubrechen durch einen „freieren Umgang mit dem anderen Geschlecht und, damit zusammenhängend, endlich das offene Ausleben der eigenen Sexualität“. Letztlich könne Karneval vielerlei Sehnsüchte erfüllen, wie der Kölner Psychologe Wolfgang Oelsner meint: „Kein anderes Fest befriedigt so zahlreiche und widersprüchliche Sehnsüchte wie der Karneval … Karneval ist der Ausbruch aus der Domestizierung. Wohl dosiert, erfüllt er Sehnsüchte, fördert die seelische Gesundheit.“

Das müssen die Menschen schon damals gewusst haben. Denn trotz kirchlicher Vorbehalte wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit kräftig gefeiert. „Wenn man schon dem Fleisch Lebewohl sagen musste, dann wenigstens richtig. Zu keiner Jahreszeit wurde im Rheinland so gut und so viel gegessen und getrunken wie an den Tagen vor Aschermittwoch“, schreibt Brog. Getrunken wird nach wie vor, doch beim Essen halten sich heutige Narren ebenso zurück wie beim Fasten nach Aschermittwoch. Zweifelsohne hat sich der Karneval im Laufe seiner Geschichte massiv verändert. Die Kirchenferne vieler Narren markiert dabei nur eines der Probleme.

Neuss zur Zeit der Belagerung

Karneval im Rheinland: Das ist zunächst Aachen, wo die Fastnacht im Jahre 1338 erstmals urkundlich belegt ist, dann aber vor allem Köln, wo der Karneval in einer Urkunde von 1341 auftaucht. Für Düsseldorf ist der Karneval zum ersten Mal 1423 urkundlich erwähnt, wobei der spätere Termin auch kein Wunder ist, wurde Düsseldorf doch erst am 14. August 1288 nach der Schlacht von Worringen zur Stadt erhoben,

Rheinischer Karneval, das ist vor allem Köln. Darüber geben die Archive Auskunft. Und Neuss? Viel wissen wir nicht vom Treiben und volkstümlicher Narretei aus alten Zeiten. Aber es gibt Hinweise. Der Stadtschreiber Christian Wíerstraet, der die Belagerung der Stadt Neuss durch Karl den Kühnen erlebte, berichtet 1475 von einem frohen Fest der Ritter und Jungherren am Sonntag „Esto míhí“. Damit habe man die Belagerer über die Not in der Stadt hinwegtäuschen wollen. „Esto mihí“ ist der Sonntag vor dem Beginn der Fastenzeit, nach heutiger Lesart also der Kappessonntag, an dem die Neusser auch heute noch „ein frohes Fest“ feiern. Dabei soll die Fastnacht 1475 „in geräuschvoller Weise“ abgelaufen sein, wie es in der Neuß-Grevenbroícher Zeitung am 10. Februar 1934 unter der Überschrift „Neusser Karneval in früheren Zeiten“ berichtet wurde.

Natürlich gab es damals ebenso wie in den folgenden Jahrhunderten noch keinen organisierten Karneval. Aber Neuss dürfte viele Sitten und Gebräuche aus den benachbarten Städten Köln und Düsseldorf übernommen haben. Allerdings ist nicht belegt, dass es in Neuss ein Fastnachtstreiben wie in den großen Städten gab, wo seit dem 17. Jahrhundert oft prunkvolle Maskenbälle, Maskenfahrten und Maskentreiben auf den Straßen gefeiert wurden. „Im Düsseldorf des 17. Jahrhunderts prägten die Feste des Hofes das Bild der Fastnacht“, schreibt Alois Döring. Anna Maria Luisa, die zweite Frau des Kurfürsten Johann Wilhelm II. (genannt Jan Wellern, er regierte 1679 bis 1719), brachte italienische Fastnachtsbräuche an den Düsseldorfer Hof. Aus ihren Briefen an italienische Verwandte geht hervor, dass größere Hoffeste und Theatervorstellungen an Fastnacht stattfanden, zudem wurden große Maskenbälle und Festessen abgehalten.

In Neuss wird dies anders gewesen sein. „Die Fastnacht mit fröhlichen und übermütígen Menschen sowie die Freude am Tanzen und Vermummen lassen sich in der Neusser Geschichte zwar bis ins Mittelalter zurückverfolgen, sind jedoch bisher nicht ausreichend erforscht worden“, schreibt Jürgen Huck. Eine Begebenheit wurde in der am 10. Februar 1934 erschienenen NGZ aus dem Jahr 1756 berichtet. Danach war „das Vermummen und Vuhjagen verboten worden, weil die Stadt unter dem Schrecken heftiger Erdbeben stand, so daß der Magistrat eine feierliche Prozession zur Jesuitenkirche auf der Oberstraße veranstaltete.“ Ansonsten aber fehlen aus dieser Zeit vielfach die Quellen. Sie sprudeln erst, als sich der Karneval bald nach dem Beginn der Preußenzeit entwickelt.

Die Franzosen im Rheinland

Doch zunächst bedeutete der Einmarsch der französischen Revolutionstruppen für den Karneval einen tiefen Einschnitt, wie es Alois Döring beschrieben hat: Im Oktober 1794 fiel das linksrheinische Gebiet mit Aachen und Köln an die Franzosen. Anfang 1795 überschritt die französische Armee den Rhein und nahm auch das rechtsrheinische Düsseldorf ein. Der öffentliche Karneval wurde von den Franzosen in den besetzten rheinischen Gebieten Anfang 1795 sofort untersagt, was sowohl in ihrem Sicherheitsbedürfnis als auch in ihrer Geisteswelt der Aufklärung begründet lag. In Köln verbot General Daurier am 12. Februar 1795 alle öffentlichen Maskeraden, da die „Übelgesinnten … sicherlich nicht verfehlen (werden), durch das, was ihr Karneval nennt, einige Unordnungen herbeizuführen, woraus die Aristokratenhorde ihren Vorteil zu ziehen wissen wird.“ Der Präfekt des Roerdepartements (Verwaltungsbezirk in französischer Zeit), der seinen Sitz in Aachen hatte, verbot im Januar 1799 „wie in früheren Jahren“ Maskeraden für die Karnevalstage in Aachen.

Als 1815 nach dem Wiener Kongress die Preußen das Rheinland übernahmen, lag der Karneval zunächst brach, aber er war nicht tot. Ein neuer Karneval entstand, allerdings war es ein ganz anderer Karneval als in der Vergangenheit. Es begann die Zeit der organisierten Narretei.

Köln machte den Anfang, als 1823 ein neuer Karneval mit Sitzung, Maskenball und Rosenmontagszug startete. Zwei Jahre später zogen die Düsseldorfer nach, indem sie ein Karnevals-Komitee gründeten. Was gewisse närrische Gepflogenheiten angeht, die auch heute noch aktuell sind, so nahmen sie in dieser Zeit ihren Anfang. Manches Preußische wurde verballhornt, aber auch manches Französische. Die 1821 erstmals in Köln eingeführte Narrenkappe ist eine Persiflage auf die Jakobinermütze. Und der Elferrat nimmt seinen Ursprung aus der Zahl Elf. Es lag dem aber gar keine Zahl zugrunde, sondern das Motto der französischen Revolution Égalité, Liberté, Fraternité (Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, Abkürzung: ELF). So begann der Karneval zunächst in den großen Städten. Neuss brauchte noch ein paar Jahre. Erst 1845 erfahren wir, dass ein „Carneval-Verein zu Neuss“ seine Arbeit aufgenommen hat. Dabei stand der Karneval in Neuss schon damals im Schatten des eigentlichen Neusser Frohsinns: dem Schützenfest, das seine heutige Form bereits 1823 erhielt, in jenem Jahr, als die Kölner den organisierten Karneval begannen, Doch warum gab es plötzlich den Drang danach, sich im Karneval zu organisieren? „Schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten sich aus Kreisen großbürgerlicher, also städtischer Eliten Zirkel gebildet, die sich gezielt der Pflege der Kultur widmeten. Gemeinsam wurde gelesen, musiziert auch Kunst gesammelt; und die Geselligkeit wurde selbst zur Kunstform, schrieb der Volkskundler Herbert Schwedt. Geld und Bildung hatten diese Bürger, was ihnen jedoch fehlte, „war politische Repräsentanz, war ein Podium der Selbstdarstellung und Einflussnahme.“ Besonders krass sei dies im Rheinland gewesen, das nach dem Wiener Kongress preußisch geworden war. Schwedt: „Zu sagen, dass die preußischen Beamten und Militärs hier wenig beliebt waren, wäre eine grobe Untertreibung.“ Hinzu kam das Bedürfnis nach neuen, nach nationalen Festen. So entdeckte das städtische Bürgertum den Karneval als Bühne, auf der es agieren konnte. „Es hatte ihn nach seinen Bedürfnissen umgebaut und reformiert. Es entstand der bürgerliche Karneval.“

Dies geschah schnell entlang der Rheinschiene und bis nach Aachen. In den Städten, in denen sich der Karneval organisierte, kam die Initiative dazu nicht aus allen möglichen Bevölkerungsschichten, „sondern aus den besten, nämlich den geistigen und wirtschaftlichen Oberschichten.“ Der Karneval als Bühne des Bürgertums hing nicht mehr — wie in früheren Zeiten — von der Religion ab. Konnte der Karneval nach dem Dreißigjährigen Krieg vor allem den katholischen Gebieten zugeordnet werden, war es nun anders: „Die neue Form übersprang mühelos die Konfessionsgrenzen.“ Das Bedürfnis danach, sich mit diesem Fest selbst zu artikulieren, sei so intensiv gewesen, dass die jeweilige Konfession von gänzlich nachrangiger Bedeutung gewesen sei, schreibt Schwedt.

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