Die „Elefantenrunde“

Wir schreiben den 23. September 1978, als um 19:30 Uhr im Gästeraum der Brauerei Gatzweiler in Düsseldorf eine besondere Gästeschar eintrifft. Es sind die Narrenchefs aus Düsseldorf, Neuss und Mönchengladbach, die da zusammenkommen, um über gemeinsame Themen zu sprechen. Zuvor hatte es getrennte Begegnungen gegeben. Dabei war klar geworden, das so manches Thema gemeinsam besser zu bewältigen sei als einsam in der jeweiligen Stadt. „Mit der heutigen Einladung wollte der Karnevalsausschuss der Stadt Düsseldorf nicht nur die Einladungen von Mönchengladbach und Neuss dankend beantworten, sondern den Anstoß zu einem gemeinsamen Arbeitskreis geben“, schreibt der Düsseldorfer Peter Schramm in seiner Niederschrift zu dieser ersten Begegnung der drei Narrenchefs samt Gefolge.

„Diese Zusammenkunft dient der Freundschaft, des Kennerlernens, aber auch dem sachlichen und fachlichen Gedankenaustausch“, sagte Karl Reismann, Präsident des Karnevalsausschusses der Stadt Düsseldorf. Eine Tagesordnung gab es bei dieser Begebung nicht und so nutzte Erhard Schiffers sogleich die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit auf das Thema Musikkapellen zu lenken, eine gemeinsame Verpflichtung der Kapellen sei geboten, um die Kosten zu senken, Dieses Thema nahm dann in der Sitzung einen breiten Raum ein. Letztlich schlug Präsident Reismann vor, ein Fachgespräch zwischen den Zugleitern und den drei Schatzmeistern sowie Experten wie etwa Steuerberatern kurzfristig zu ermöglichen.

Erhard Schiffers machte deutlich, dass er die Kontaktaufnahme der obersten Narrengremien aus Düsseldorf, Neuss und Mönchengladbach sehr begrüßte. Es zeige sich, dass es gemeinsame Berührungspunkte gäbe. Das Begonnene müsse in Zukunft fortgesetzt werden. Daher möge man sich nach Karneval wieder treffen. Präsident Reismann stimmte dem zu. Er sprach sich aber gegen eine neue Vereinsbildung in diesem Städtedreieck aus. Dennoch sollten die drei Städte zu einer Kooperation finden. So wurde vereinbart, sich im März oder April 1979 erneut zu treffen, diesmal in Neuss im Restaurant Südpark und mit Damen.

So begann in diesem Jahr 1978 eine Zusammenarbeit der Narren in Düsseldorf, Neuss und Mönchengladbach. Sehr schnell bekamen diese gemeinsamen Begegnungen einen Namen: Elefantentreffen. Denn immerhin waren es die Chefs der Narren-Verbände aus den drei Städten, die gemeinsame Überlegungen über Musikkapellen, Trecker oder Wurfmaterial anstellten. In erster Linie ging es immer wieder um Kosteneinsparungen, aber auch persönlich kamen sich die Narrenchefs näher. Über eine der Begegnungen, an der erstmals auch die Krefelder Narren teilnahmen, berichtete 1993 die NGZ.

Manager des Frohsinns im Vogthaus

An einen Witz ist an diesem Abend aber gar nicht zu denken. Die Runde im Vogthaus nimmt ihre Sache ernst, und das muss sie auch. Immerhin sitzen vier Präsidenten samt Assistenz zusammen, um über die Zukunft zu debattieren. Und es geht nicht um irgendeine Zukunft, sondern um die Narretei am Niederrhein. Erhard Schiffers hat die Manager des Frohsinns nach Neuss gebeten. Nachdem die Verwaltungen auf regionaler Ebene schon intensive Kontakte pflegen, will der Karneval nicht abseits stehen. Und so sitzen an diesem Abend erstmals in dieser Konstellation die Narrenchefs aus Düsseldorf (Ulrich Fernholz), aus Krefeld (Herbert Hölters), aus Mönchengladbach (Bernd Gothe) und aus Neuss (Erhard Schiffers) an einem Tisch. Ganz oft hat jeder nur seinen Karneval gesehen, nun aber geht es um gemeinsame Probleme aller Städte in der Region.

Und das sind zunächst einmal die Finanzen. Bislang gab es noch einen Zuschuss der jeweiligen Stadt. Doch das wird in den kommenden Jahren immer schwieriger. Düsseldorf will sich ganz davon frei machen, bis auf Sachleistungen wollen die Narren der Landeshauptstadt selbst die Finanzierung in die Hand nehmen. „1995 ist Schluss, dann finanzieren wir uns durch Werbung“ sagt Günther Pagalies, Vize-Chef aus Düsseldorf. Die Prinzengarde also demnächst mit einer De-Beukelaer-Werbung auf dem Rücken? „Nein, das auf keinen Fall“ sagt Pagalies. Die Düsseldorfer denken an Werbeplakate, T-Shirts und Werbung am Mottowagen. Die Werbewirtschaft brauche Anreize,das reine Sponsorentum gäbe es nicht mehr. Zudem solle es an den Haupt-Umzugsstraße Fahnenpräsenz geben; denn: „Wir müssen den Leute doch einmal näher bringen, wer es ermöglicht hat, dass der Zug läuft.“ Doch auf eines dürfen sich die Musikkapellen „freuen“. „Es gibt ebenso wie in Köln und Mainz kein Geld mehr für die Kapellen, die bekommen nur noch ihre Unkosten ersetzt“, sagt Pagalies. Mit seinem Präsidenten ist er sich einig, dass dann auch einmal Musikkapellen zum Zug kommen, die Ihren Wunsch bislang noch nicht in die Tat umsetzen konnten. „Wir haben viele Anfragen.“

Die gravierendste Änderung aber betrifft den Sitzungskarneval. Die Chef-Narren aus der Landeshauptstadt sehen dafür in Düsseldorf langfristig immer weniger Bedarf. „Düsseldorf und das Umfeld haben nicht die Qualität an Büttenrednern wie Köln. Wir sind eine Stadt des Ballkarnevals“, sagt Pagalies. Bei Eintritten von 100 bis 120 Mark seien solche Veranstaltungen stets ausverkauft. „Der Karneval ist Out, wenn er als Sitzungskarneval gefeiert wird,“ meint Pagalies. Dem aber kann der Mönchengladbacher Präsident nicht folgen. „Gerade beim Sitzungskarneval haben wir steigende Besucherzahlen“, sagt Bernd Gothe. Sogar Veranstaltungen im Zelt werden gut besucht. Und Geld von der Stadt verschmäht der Mönchengladbacher Narrenboss auch nicht. Dabei ist er sich mit seinen Kollegen einig, dass die Zeiten schwieriger werden. Aber der Karneval ist ja auch ein Wirtschaftsfaktor in den jeweiligen Städten, am deutlichsten in Düsseldorf. Pagalies: „Wir bringen der Stadt jedes Jahr 200 bis 300 Millionen Mark ein“. In Mönchengladbach haben sich die Narren aber auch ihre Gedanken gemacht, wie die Finanzierbarkeit erleichtert werden kann. Das geschieht mit einem Freundeskreis, für den Veranstaltungen organisiert werden. Bei den Veranstaltungen hat der Freundeskreis Gelegenheit, die Kasse des Mönchengladbacher-Karnevals-Verbandes aufzufüllen. „Ich denke, dass wir bald die 1000 Mitglieder-Marke erreichen“, sagt Gothe.

In Krefeld ist die Situation völlig anders als in Düsseldorf. „Bei uns machen Tanzveranstaltungen rund zwei Prozent des Karnevals aus“, sagt Herbert Hölters, der auch Landespräsident des Verbandes Linksrheinischer Karneval ist. Und diese Sitzungen sind gut besucht. Nach dem karnevalistischen Fiasko im Jahr des Golfkrieges beobachtet Hölters am Niederrhein, „dass sich seitdem mehr Menschen ins närrische Geschehen stürzen als vor dem Krieg am Golf.“ So ganz unzufrieden ist eigentlich niemand der Herren am Tisch. Auch der Neusser Narrenchef Erhard Schiffers nicht, der dem kleinsten und jüngsten Dachverband der Karnevalisten vorsteht. „Wir haben wegen unserer Größe ohnehin einen anderen finanziellen Rahmen“, sagt Schiffers, der aber feststellt, dass der Karneval aus der Quirinusstadt „im Kommen“ ist.

„Im Gehen“ ist allerdings der Traktorenhersteller Case; der in den vergangenen Jahren die Umzüge in Düsseldorf, Neuss und Mönchengladbach erst möglich machte. Zwar sollen auch im kommenden Jahr die „roten Pferdchen“ von Case durch die Straßen rollen, doch wie es weitergeht, weiß keiner. Auf jeden Fall werden auch die Präsidenten den Erhalt des Standortes Neuss unterstützen.

Um so machen sie sich weiter ihre Gedanken über Wagenbau, TÜV-Auflagen, Büttenredner und Finanzen. Und kurz bevor sie auseinander gehen, hätten sie beinahe noch Erhard Schiffers zum Chef einer karnevalistischen Lenkungskommission in der Region Düsseldorf/Mittlerer Niederrhein gewählt. Doch auch ohne dieses Gremium wollen sich die Narrenchefs regelmäßig treffen. Und auf dem Heimweg soll doch tatsächlich noch einer einen Witz erzählt haben.

Der zurzeit amtierende Präsident Jakob Beyen erinnerte sich vor kurzem in einer Rede an die Geschichte der „Elefantenrunde“, wobei er zunächst das gemeinsame Traktorenthema herausstellte. „Die Traktoren der Firma IHC, später CASE/Teneco wurden ursprünglich direkt im Werk im Neusser Hafen übergeben. Diese Traktoren wurden bei den großen Umzügen in Düsseldorf, Neuss und Mönchengladbach gleichermaßen eingesetzt und die Traktoren fuhren im „Treck“ zu ihren jeweiligen Einsatzorten. Dieses habe dazu geführt, dass bereits unter den Fahrern eine freundschaftliche Stimmung herrschte. Aus dieser Aktion hätten sich dann die ersten Kontakte zwischen den Geschäftsführern der Karnevalsverbände gebildet, denn solche großen gemeinsamen Projekte bedürften einiger Vorbereitung und Absprachen.

Wie Beyen weiter ausführte, wurde die Übergabe ins Swissotel verlegt, nachdem die Übergabe im Neusser Hafen nicht mehr möglich war. „Stellvertretend für die Verbände erhielten die jeweiligen Prinzen einen Kindertrecker, mit dem sie ein paar Runden durch den Saal drehen konnten. Ein Anblick, den die Anwesenden sichtlich genossen haben“. Im Rahmen dieser Veranstaltungen sei es dann auch zu den ersten Kontakten der Prinzenpaare untereinander gekommen. Nachdem CASE keine Traktoren mehr stellte, hätten sich die Verbände zusammenraufen müssen, um für alle Umzüge genügend Traktoren zusammen zu bekommen. Dies habe zu einer noch intensiveren Zusammenarbeit der drei Verbände untereinander geführt.

„Vor über zehn Jahren sind wir dann auf die Idee gekommen, die Traktorenübergabe in den Landtag zu verlegen“, so berichtete Jakob Beyen. Diese Veranstaltung habe den Landtagspräsidenten so sehr begeistert, dass er für das darauffolgende Jahr zum Prinzenpaartreffen in den Landtag eingeladen habe. Dieses Treffen existiert bis heute und sei 2013 von 117 Prinzenpaaren aus ganz Nordrhein-Westfalen zelebriert worden. Diese Veranstaltung gehöre zu den Höhepunkten des Rheinischen Karnevals und sei für die Prinzenpaare eine hervorragende Möglichkeit sich im Ornat zu begegnen, da bekanntermaßen die Zeit gerade in der kurzen Zeit vor den Tollen Tagen sehr knapp bemessen sei.

Die Prinzenpaarproklamationen in den Städten Mönchengladbach, Neuss und Düsseldorf erfolgen stets mit gegenseitiger Einladung und dienten auch dem Kennenlernen der Prinzenpaare untereinander. Diese kurzen Termine während der Session reichten natürlich nicht aus, um ein richtiges Kennenlernen zu gewährleisten. Damit sich die Prinzenpaare bereits vor der „heißen Phase“ einmal beschnuppern könnten, sei die Zusammenarbeit der Verbände im weitere Treffen erweitert worden, wie zum Beispiel vor Weihnachten in Düsseldorf. Die enge Zusammenarbeit der drei Verbände führe auch dazu, dass gemeinsam Wagen entworfen und gestaltet worden seien – so zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem legendären Düsseldorfer Wagenbauer Jaques Tilly. Jahrelang sei auch durch die hervorragenden Verbindungen Düsseldorfs eine Gruppe aus Teneriffa zum Veilchendienstagszug nach Mönchengladbach gekommen, Auch gemeinsame Sponsorenwagen nähmen bis heute an allen drei Veranstaltungen teil.

Dem Wunsch der Verbände, einen gemeinsamen Orden zu verleihen, sei mit der Schaffung der Auszeichnungen „Närrischer Maulkorb“ entsprochen worden. „Somit war und ist die größte gemeinsam organisierte Veranstaltung der drei Verbände die Verleihung des „Närrischen Maulkorbs““, sagte Beyen.

Preisträger bisher sind:

Hanns-Dieter Hüsch (Mönchengladbach)

Domprobst Heinrichs (Neuss)

Hans Meyer (Mönchengladbach)

Bernd Müller vom WDR (Neuss)

Wolfgang Clement (Düsseldorf)

Markus Lüppertz (Mönchengladbach)

Der karnevalistische Verbund aus dem Comitee Düsseldorfer Carneval (CC), dem Mönchengladbacher Karnevals Verband (MKV) und dem Karnevalsausschuss Neuss (KA) unter Mitwirkung der beiden Oberbürgermeister aus Düsseldorf und Mönchengladbach und des Bürgermeisters der Stadt Neuss könne einmal pro Session den Närrischen Maulkorb verleihen.

Diese Auszeichnung werde verliehen an Personen aus den heimischen Gebieten, die hier geboren oder wohnhaft sind, beziehungsweise die hier längere Zeit gelebt haben und zwar aus dem Kreis von Künstlern, Politikern, Vertreter aus Wirtschaft, Handel und Industrie, Sozial-Institutionen, sowie Journalisten und Medienvertretern. „An Karnevalisten soll diese Auszeichnung nicht vergeben werden“, betonte Beyen. Sie werde verliehen für eine humorvolle Glossierung des heimischen Lebens in Wort, Schrift oder Darstellung, für eine besonders humorvolle Äußerung, Ausspruch, Zwischenruf oder abgewandeltes Zitat, für eine Art Büttenrede über Kunst, Politik, Wirtschaftsleben oder Karneval sowie für eine besondere Reportage mit viel Esprit, bezogen auf die Menschen oder das Geschehen in der heimischen Region. Verliehen werde die Auszeichnung in einer der drei Städte, in einem besonders würdigen Rahmen, in einer historischen oder besonderen Kulturstätte. Der Laudator werde vom Verband gestellt oder könne vom Auszeichnenden gewählt werden. Die Jury setzte sich zusammen aus den drei Präsidenten oder Vorsitzenden des karnevalistischen Verbundes.

Die Vorstände pflegten neben den „offiziellen“ Terminen auch persönliche Kontakte, Es finde bei diesen Treffen ein reger Austausch zu den verschiedenen Themen statt, so zum Beispiel: Wagenbau, Finanzen, gegenseitige Einladungen zu Veranstaltungen, Sicherheitskonzepte etc.. Die Vorstände versuchten stets, sich über auftretende Probleme auszutauschen und gemeinsam optimale Lösungen zu erarbeiten. Auch würden immer wieder gegenseitige Vorschläge zu Änderungen oder Verbesserungen aufgenommen und besprochen. „Als einer der Köpfe dieses „Gremiums“ darf ich mit Fug und Recht behaupten, dass wir viel voneinander gelernt haben in den vergangenen Jahren“, betonte Beyen. „Die Zusammenarbeit mag nicht immer leicht und optimal gewesen sein, dennoch meine ich, dass sie überaus fruchtbar war und unseren Verbänden im Einzelnen und im Verbund viel gebracht hat“.

 

Auszug aus dem Buch „Nüsser Narretei“

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